Gesund sitzen durch besondere Stuhltechniken

3-D-Kinematik

Für seine Modellreihe „ON“ hat der Hersteller Wilkhahn die Trimension-Mechanik entwickelt. Die synchrone, dreidimensional stützende Kinematik soll das dreidimensionale Bewegungssitzen fördern, also neben der Bewegung nach vorn und hinten auch die seitliche.

Zentrales Element der Mechanik sind zwei unabhängig voneinander bewegliche Schwenkarme aus Aluminium-Druckguss. Diese ermöglichen neben den üblichen Bewegungsmustern wie dem Kippen nach hinten auch die seitliche Flexibilität: Verlagert der Nutzer sein Gewicht nach links, verlagert sich der „ON“ mit. Die Bewegung von Sitz und Rücken ist dabei nicht nur axial dreidimensional, also vor, zurück und seitwärts, sondern auch als kreisförmige Rotation auszuführen, die das ganze Rückensystem aktiviert.

Trotz der großen Bewegungsfreiheit soll der Sitzende dabei sicher Platz nehmen, nichts soll „kippelig“ und instabil sein. Durch die Integration der Armlehnen in die einzeln beweglichen Schwenkarme wird zudem die optimale Abstimmung der Armlehnenposition auf die dreidimensionalen Bewegungen gewährleistet..

Dondola-Technik

Das Thema dreidimensionale Bewegung stand noch am Anfang seiner Entwicklung, als Topstar die ersten Drehstühle mit Dondola-Technik auf den Markt brachte.

Die Idee dahinter: Die Bandscheiben gewährleisten die Beweglichkeit des Menschen. Sie werden aber nicht, wie andere menschliche Organe, über den Blutkreislauf mit Nährstoffen versorgt, sondern müssen sich über die Körperbewegung selbst versorgen.

Ähnlich wie bei einem Schwamm sorgen somit abwechselnde Ent- und Belastung für Flüssigkeitszu- und -abfuhr. Eben dies soll im Sitzen das Dondola-Sitzgelenk gewährleisten: durch die permanente Bewegung beim aktiv-dynamischen Sitzen versorgen sich die Bandscheiben quasi selbst und es findet ein Stoffwechselaustausch statt.

Das Dondola-Gelenk entlastet den Rücken, hält die Rückenmuskulatur permanent in Bewegung und fungiert als Stütze der Wirbelsäule und des Beckenbereichs. Dondola soll die Muskulatur somit  den ganzen Tag über „beschäftigen“ und damit Haltungsschäden und Rückenschmerzen vorbeugen – und dazu steigert häufige Bewegung auch noch die Konzentration.

Balance Movement

Auch bei der von HÅG entwickelten Mechanik sind die Bewegungen von Sitzfläche und Lehne miteinander verknüpft: Die Vorderseite der Sitzfläche bewegt sich beim Anlehnen nach oben; neigt der Nutzer sich nach vorn, bewegt sich auch die Front der Sitzfläche nach vorne.

Die Drehachse der Bewegung ist hier allerdings genau über der Gasfeder angeordnet, sodass eine frei fließende Bewegung entsteht, die es dem Nutzer bei korrekter Einstellung des Stuhls ermöglicht, genau in Balance zu sitzen und sich immer in die beste Sitzposition zu bewegen.

Durch minimale Bewegungen des Körpers bewegt sich der Stuhl mit dem Nutzer, der sich so permanent in Balance halten muss – Aktivierung der Muskeln inklusive. Der Kontakt zur Rückenlehne bleibt im Lendenwirbelbereich ständig erhalten, sodass auch die Wirbelsäule abgestützt wird.

Bioswing

Bioswing entwickelte vor drei Jahrzehnten mit Ärzten, Sportwissenschaftlern und Ergonomen eine dreidimensional bewegliche, freischwebende Technologie auf Grundlage von biomechanischen Aspekten und der zuvor noch nicht berücksichtigten Neurophysiologie des Menschen.

Basis des patentierten 3D-Sitzwerks von Bioswing ist die Entkoppelung der Sitz- und Rückenfläche vom Stuhluntergestell. Becken und Wirbelsäule bewegen sich auf einem Bioswing im Sitzen wie im Gehen, nämlich aufwärts pendelnd. Ein unphysiologisches Absinken des Becken-Lenden-Bereichs zur Seite wird verhindert. Der Nutzer sitzt körperzentriert im Gleichgewicht und schwingt im körpereigenen Rhythmus.

Dies ermöglichen vier Schwingelemente, die auf kleinste Bewegungen reagieren. Diese Bewegungen entlasten die Rücken- und Beckenregion, gleichzeitig wirken die Impulse aus den Muskel- und Gelenkrezeptoren im Gehirn als funktionelle Reize.

Die Bioswing-Wirkung bewies eine Doppelblindstudie des Instituts G.R.P. mit 320 Probanden im Alter von 18 bis 64 Jahren im Jahr 1991. In der unabhängigen und herstellerneutralen Studie „Ergonomische Untersuchung besonderer Büroarbeitsstühle“ der Deutschen Gesetzlichen  Unfallversicherung (DGUV) erklärte das durchführende Institut für Arbeitsschutz Bioswing zum Testsieger.

Ergo-Balance

Auf Grundlage einer klassischen Synchronmechanik, die beim Zurücklehnen den Rücken streckt und die Bandscheibe entlastet, hat der Hersteller Rovo Chair die Ergo-Balance-Mechanik entwickelt. Unter der Sitzfläche der Ergo-Balance-Stühle hat Rovo Chair die sogenannte Flex-Ebene integriert. Diese lässt sich durch ihren kompakten Aufbau direkt unter der Sitzfläche platzieren, wo sie mit dem Einsatz von zwei verschiedenen Elastomeren einen Effekt erzielt, der die Ergo-Balance-Technik ähnlich wie die menschliche Bandscheibe arbeiten lässt. So wird eine Rundum-Bewegung des Stuhls ermöglicht – Sitz und Rücken folgen jeder noch so kleinen Bewegung des Körpers in jede Richtung. Halt gibt dabei der dynamische Gegendruck, sodass der Nutzer sicher Platz nimmt und nicht, wie bei beweglichen Sitztechniken häufig befürchtet wird, das Gleichgewicht verliert. Der Nutzer bleibt zum einen durch die bewegliche Mechanik im Sitzen aktiv, zum anderen animiert die Ergo-Balance-Technik zu häufigen Haltungswechseln und aktiviert die Mikrobewegungen der Muskulatur.

„Mikrobewegungen haben einen großen Einfluss auf die körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen, da so der Stoffwechsel und die Durchblutung angeregt werden“, erklärt Andreas Sperber, Physiotherapeut und Ergonomieberater. „Dies versorgt die Bandscheiben mit Nährstoffen, hält sie geschmeidig und entlastet sie.

 

„In der Physiotherapie werden Mikrobewegungen mithilfe eines Balance-Kreisels ausgelöst, um die Rumpfmuskeln zu stabilisieren. Das Sitzen auf einem Stuhl mit Ergo- Balance ist in der Wirkung vergleichbar mit dem Training auf einem Balance-Kreisel.“ 

Pending-Technik

Die Pending-Technik wurde bereits Anfang der 80er-Jahre entwickelt, lange bevor das Thema dreidimensionales Sitzen aktuell wurde. Seitdem wurde die Technik stetig weiterentwickelt und kommt heute in Bürostühlen verschiedener Hersteller zum Einsatz, so beim „Erfinder“, der Pending-Manufaktur, in den freework-Modellen von Rohde & Grahl. Die Pending-Technik orientiert sich an dem Prinzip des Gymnastikballs. Dabei ist die Sitzfläche vom Unterbau abgekoppelt und an sogenannten Pending-Elementen aufgehängt − bei den Pending bestehen diese aus insgesamt acht Drahtseilen.

Dadurch wird die gesamte Sitzfläche zu allen Seiten hin beweglich und lässt sich durch die Bewegungsimpulse des Nutzers in leichte Schwingungen versetzen. Der Sitzende steuert unbewusst dagegen und nimmt so minimale Ausgleichsbewegungen vor.

Durch diese permanente Bewegung werden die Muskeln gestärkt und die Wirbelsäule wird entlastet – auch wenn sich der Nutzer nicht merklich bewegt.

Durch die Aufhängung der Sitzfläche bewegen sich die Muskeln auch bei scheinbar starrer Sitzhaltung. Rohde & Grahl kombiniert die Pending-Technik in seinen Duo-Back-Modellen zusätzlich mit einer geteilten Rückenlehne, deren Komponenten unabhängig voneinander beweglich sind.

Swopper

Eine Alternative zu den klassischen Bürostühlen bietet das Unternehmen aeris. Auf den ersten Blick ist es ein Hocker, beim Hinsetzen entpuppt er sich als Balanceakt:

Der „swopper“ neigt, schwingt und hüpft bei jeder Bewegung des Sitzenden mit. Dies ermöglicht eine frei schwingende Spiralfeder in der Mittelsäule. Auf Grundlage des „swopper“ entwickelte aeris weitere Aktivsitze: den Stehsitz muvman, den Sattel-„swopper“ und den „swopper“-WORK.

Standardmäßig komplett ausgestattet mit Rollen, DYNAMIC-Lehne mit Bezug und einer Sonderfeder, die eine Höhenverstellung von 42 bis 57 Zentimetern ermöglicht, ist derSwopper WORK für den Einsatz in Unternehmen optimiert

Die Synchronmechanik

Die Synchronmechanik war lange Zeit das Nonplusultra unter den Bürostuhlmechaniken. Bis heute werden die meisten Stuhlmodelle mit dieser Technik ausgeliefert. Die Synchronmechanik soll den Körper in jeder Sitzhaltung unterstützen, den Wechsel zwischen verschiedenen Sitzhaltungen und damit das sogenannte dynamische Sitzen erleichtern. Bei der Synchronmechanik sind Sitzfläche und Lehne miteinander verbunden.

Beim Zurücklehnen bewegt sich die Rückenlehne mit dem Körper nach hinten, zur gleichen Zeit neigt sich die Sitzfläche. In der Regel ist die Neigung der Sitzfläche geringer als die der Lehne, üblich sind Verhältnisse von 3:1 oder 2:1. Korrekt justiert, bietet ein Stuhl mit Synchronmechanik einen hohen Komfort.

Beim Zurücklehnen streckt sich der Körper, die Gelenke bewegen sich und die Durchblutung wird gefördert. Die Bewegung wird allerdings nur nach vorn und hinten unterstützt, die seitliche Bewegung dagegen außer Acht gelassen.

Die Synchronmechanik wird mitunter mit einer  Sitzneigeautomatik kombiniert, die über minimale Gewichtsverlagerung des Nutzers nach vorne und hinten kippt. Der Körper gleicht diese Bewegung intuitiv aus, die Folge sind permanente – unbewusste − Bewegungen der Muskulatur. 

Quelle: FACTS 11/2011